Veranstaltung auf dem 40. DGS-Kongress: Stress, Überforderung, Entfremdung

Der Kongress findet vom 14.-18. September 2020 in Berlin statt und ist mit dem Oberthema „Gesellschaft unter Spannung“ überschrieben. Weitere Informationen gibt es auch auf der Konferenzwebsite der DGS.

Ad-Hoc: Stress, Überforderung, Entfremdung: Neue Spannungen und Leidenserfahrungen in der digitalen Arbeitswelt

Donnerstag, 24.09.2020: 10:00 – 13:00 Uhr

Ort: Den Link zur digitalen Sitzung erhalten Sie nach Anmeldung zum Kongress per Mail.

Organisation: Friedericke Hardering (FH Münster), Oliver Nachtwey (Universität Basel)

Wie aktuelle Untersuchungen über die Einführung digitaler Technologien im Arbeitskontext zeigen, gehen Digitalisierungsprozesse häufig mit einer Zunahme wahrgenommener Belastungen, Arbeitsverdichtungen wie auch mit Grenzziehungskonflikten einher. Vielfach werden die Folgen der Digitalisierung für die Arbeits- und Lebenszufriedenheit und die Gesundheitssituation erfasst. In jüngerer Zeit finden sich auch Bemühungen, Erfahrungen in der Arbeitswelt als soziales Leiden zu rekonstruieren. Dies zeigt sich beispielsweise am Konzept der Entfremdung, welches verschiedentlich aufgegriffen wird, um nicht gelingende Aneignungsprozesse und Leidenserfahrungen von Beschäftigten zu beschreiben.

Die Ad-Hoc Gruppe möchte der Frage nachgehen, wie sich neue Leidenserfahrungen im Kontext der digitalisierten Arbeitswelt empirisch fassen lassen. Dabei soll es um arbeitssoziologische Kategorien wie Belastung und Stress gehen. Zudem soll insbesondere der Mehrwert des Entfremdungskonzeptes für das Verständnis von Leidenserfahrungen kritisch diskutiert werden.

Das Thema ist von aktueller Relevanz, da die digitale Transformation Veränderungen vorantreibt, deren Konsequenzen für die Gesellschaft bisher noch nicht abzusehen sind. Um neu entstehende Spannungslinien in der Gesellschaft zu verstehen, ist die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Konzepten sozialen Leidens unabdingbar.  

Im Zentrum unserer Ad-Hoc Gruppe stehen folgende Fragen:

  • Welche Leidenserfahrungen lassen sich im Kontext von Digitalisierungsprozessen ausmachen?
  • Wie lassen sich Leidenserfahrungen in der Arbeit in unterschiedlichen Feldern beschreiben?
  • Wie lässt sich Entfremdung empirisch einfangen bzw. messen?
  • Welche neueren Phänomene in der digitalen Arbeitswelt sind besonders anschlussfähig für eine Entfremdungsdiagnose?
  • Welches Verständnis digitaler Technologien und der Aneignung digitaler Arbeit ist anschlussfähig für Entfremdungsdiagnosen?

Präsentationen

Entfremdung und Aneignung in der digitalen Arbeitswelt

Friedericke Hardering1, Oliver Nachtwey2

1 FH Münster, Deutschland; 2Universität Basel, Schweiz

In der aktuellen Diskussion über die Digitalisierung von Arbeit wird vereinzelt das Stichwort der Entfremdung von Arbeit genutzt, um problematische Folgen der Veränderung von Arbeit zu fassen. Entfremdung wird dabei als Chiffre für ganz unterschiedliche Phänomene genutzt, ob für die Fragmentierung von Arbeit auf digitalen Plattformen oder die Entsinnlichung der Arbeit durch digitale Kommunikationstechnologien. Wenngleich sich einige Phänomene digitaler Arbeit mit Entfremdungsdiagnosen in Verbindung bringen lassen, ist eine theoretische Einbettung dieser neuen Phänomene in das Konzept der Entfremdung von Arbeit bisher ausgeblieben. Weiterhin ist offen, inwieweit Digitalisierungsprozesse neue Formen der Entfremdungserfahrungen evozieren und sich ein neuer Typus der „digitalen Entfremdung“ ausmachen lässt.

Der Beitrag zielt darauf ab, den Mehrwert des Entfremdungskonzeptes für die Beschreibung von Arbeitserfahrungen in der digitalen Arbeitswelt aufzuzeigen. Wir argumentieren, dass sich der Entfremdungsbegriff eignet, um Leidenserfahrungen von Beschäftigten einzufangen, insofern als er über die Problematik eingeschränkter Autonomie hinausweist und sowohl fehlende Autonomie als auch Sinnverlust als zentrale Kategorien zugrunde legt. Unter Entfremdung verstehen wir im Anschluss an Jaeggi (2005) nicht gelingende Aneignungsprozesse von Arbeit. Anhand verschiedener Entfremdungsdimensionen zeigen wir, inwieweit digitalisierte Arbeitsumgebungen neue Entfremdungspotenziale mit sich bringen können.


Eingehegte Autonomie in digitaler Industriearbeit – Leidens- und Entfremdungserfahrungen jenseits des digitalen Taylorismus

Sarah Nies

ISF München, Deutschland

Entfremdung wird häufig mit Autonomieverlust assoziiert, und auch im Kontext der Digitalisierungsdebatte sind es vor allem Szenarien ausgeweiteter Kontrolle, die als Zunahme von Leidenserfahrungen thematisiert werden. Technische Möglichkeiten der Echtzeit-Steuerung, der digitalen Vernetzung und flexiblen Automatisierung nähren die Befürchtung, dass sich eine neue Welle der (Re-)Standardisierung und Dequalifizierung mit permanenter Überwachung und drastisch eingeschränkten Handlungsspielräumen der Beschäftigten verbindet. Gleichzeitig deutet eine wachsende Zahl empirischer Studien auch auf andere Entwicklungsszenarien hin, die eher durch sukzessive Veränderungen, Gestaltungsoffenheit und ambivalente Wirkungen des Einsatzes digitaler Technik geprägt sind. Der Beitrag diskutiert vor diesem Hintergrund und auf Basis eigener empirischer Ergebnisse, wie betriebliche Herrschaft sich gerade auch durch die gezielte, digital gestützte Ausweitung von Selbstorganisation und Selbstverantwortung durchsetzt. Diskutiert werden Belastungen und Leidenserfahrungen, die sich im Rahmen dieser Form „eingehegter Autonomie“ herausbilden, die sich zwar durch Freiheiten im Arbeitsablauf, aber durch keine Entscheidungsmacht über Ressourcen und Rahmenbedingungen oder die Möglichkeiten eigener Zwecksetzung auszeichnet. Konzeptionell wirft der Beitrag hierbei die Frage nach dem Verhältnis von Entfremdung und Autonomie neu auf.


„Aber es gibt Ecken, wo die Digitalisierung wie ein Horrortrip ist“ – Stress und Belastungen in alltäglichen Praktiken betrieblicher Digitalisierungsprozesse

Tanja Carstensen

LMU München, Deutschland

Ein Thema, das sich in empirischen Fallstudien betrieblicher Digitalisierungsprozesse als Leidenserfahrung zeigt, ist der konkrete alltägliche Umgang mit den digitalen Technologien selbst. Permanenter technologischer Wandel der digitalen Arbeitsmittel, die Einführung immer neuer Versionen und zusätzlicher, unübersichtlicher Tools, ständige Updates oder das Nicht-Funktionieren prägen häufig den Arbeitsalltag und führen zu Störungen und Spannungen sowie zu Unzufriedenheit, Belastungen und Stress bei den Beschäftigten. Der Beitrag untersucht diese Zumutungen durch Digitalisierung sowie deren praktische Aneignung durch die Subjekte zwischen Entfremdung und Handlungsfähigkeit.


Code, Ranking, Content: Entfremdung in der digitalen Dienstleistungsökonomie

Mirela Ivanova2, Felix Nickel1, Helene Thaa2

1 FH Münster, Deutschland; 2Universität Basel, Schweiz

Die Wiederentdeckung des sozialtheoretischen Konzepts der Entfremdung wirft die Frage auf, wie der Begriff auch empirisch für die Analyse subjektiver Erfahrungen von Beschäftigten und objektiver Strukturen einer sich wandelnden Arbeitswelt genutzt werden kann. Gerade vor dem Hintergrund einer Tertiarisierung der Arbeitsmärkte sowie der Digitalisierung der Arbeitswelt möchte dieser Beitrag mögliche Ausprägungen von Entfremdung bei Beschäftigten in der digitalen Dienstleistungsökonomie in den Blick nehmen.

Die Verbindung des Entfremdungsbegriffs mit der Analyse der Besonderheiten digitaler Dienstleistungsarbeit beleuchtet einige Fragen: Welche Rolle spielt Entfremdung in der subjektiven Arbeits- und Leidenserfahrungen in Berufen, die eng mit Geschäftsmodellen des digitalen Kapitalismus zusammenhängen? Welche vorläufigen Schlüsse lassen sich für den Zusammenhang zwischen Prozessen der Digitalisierung und Entfremdungserfahrungen ziehen?

Der Beitrag soll mögliche Entfremdungspotentiale von digitaler Arbeit auf unterschiedlichen Qualifikationsstufen identifizieren. Untersucht werden soll die Arbeit von Programmierer*innen, SEO-Spezialist*innen und Content-Moderator*innen. Die empirische Fokussierung auf diese drei sehr unterschiedlichen digitalen Berufe ermöglicht es uns, die Beziehung zwischen Entfremdungserfahrungen und digitalen Technologien differenziert zu betrachten: Softwareentwickler*innen, die unsere sozio-technologische Umwelt schaffen, Suchmaschinenoptimierer*innen, die mit Google-Algorithmen kämpfen, um eine Online-Sichtbarkeit für ihre Arbeitgeber zu erreichen, und „Cleaners“, die dazu beitragen die Produktion von Inhalten und Meta-Daten auf Social Media Plattformen aufrechtzuerhalten. Im Vergleich dieser heterogenen Formen digitaler Arbeit können sich verschiedene Formen der Entfremdung zeigen, da sich die Berufe in wichtigen Punkten unterscheiden, zum Beispiel im Grad der geforderten Kreativität und der Autonomie bei der Arbeit, sowie durch unterschiedliche Formen der Kontrolle.

In der Summe soll der Beitrag Hypothesen und erste empirische Ergebnisse für eine zeitgemäße Betrachtung von Entfremdungspotentialen von Beschäftigten im digitalen Dienstleistungssektor liefern.